„Ich führe jetzt meinen eigenen Krieg“
WILHELMSHAVEN Dr. Reinhard Erös kommt: Ein Mann aus Bayern mit fester Meinung. Mediziner, Ex-Oberarzt der Bundeswehr, Politikberater, Autor, Gründer der Initiative „Kinderhilfe Afghanistan“. Er trägt eine gelbe Schleife am Revers – Symbol für Solidarität mit Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz. Nur mit Politikern und Führungsstäben, die den Einsatz in Afghanistan beschließen und zu verantworten haben, hat der ehemalige Kommandeur eines Sanitätsbataillons seine Probleme: „Sinnlos ist das.“ An seiner Einstellung lässt Erös keine Zweifel aufkommen, als er am Montag im Hotel Kaiser referiert. Titel: „Unter Taliban, Warlords und Drogenbaronen“. An diesem Abend begibt er sich unter Sozialdemokraten. Eingeladen hat der SPD-Kreisverband Wilhelmshaven auf Initiative des Kreisvorstandsmitglieds Klaus Böther. Dass der Bundestag am Freitag wohl eine klare Mehrheit für das neue Bundeswehrmandat geben wird, macht den Vortrag nur brisanter. „Verteidigungsminister zu Guttenberg macht das Licht aus“, befürchtet er. „Unerträglich, diese Nibelungentreue.“ So lässt Erös auch kein gutes Haar an den Politikern, denen er „intellektuelle Mittelmäßigkeit“ vorwirft, wenn es um Afghanistan geht. Das sagt er einem Abgeordneten vermutlich ins Gesicht, wenn es sein muss.Gerne hätte Erös an diesem Abend mit der SPD-Bundestagsabgeordneten Karin Evers-Meyer diskutiert. Sie lässt sich aber entschuldigen. Die Politikerin verpasst einen spannenden Vortrag – und einen handfesten Eklat. Klaus Böther fragt am Ende ruhig, ob Erös tatsächlich glaube, Politiker seien Idioten, oder ob doch nicht etwa Bündniszwänge eine Rolle bei den Entscheidungen spielen könnten. Und ob denn nur Akademiker im Bundestag sitzen sollten, warum nicht etwa auch ein Maurer? Erös fühlte sich missverstanden und persönlich angegriffen: „Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Das habe ich nie gesagt, zügeln Sie ihre Zunge.“ Laut schimpfend fuhr er den Laptop herunter, packte seinen Koffer: „Die Diskussion ist beendet, das Hotel bezahle ich selber.“Auch im Vortrag nimmt der Referent kein Blatt vor den Mund. Arrogant und dümmlich seien Politiker, die glaubten, der militärische Einsatz könne tatsächlich Erfolg haben. „Beamtenfuzzis – Feiglinge, aalglatt und schleimig“, schimpft er über Entscheider, die keine Ahnung hätten von der Lage vor Ort. Er spricht von der Machtlosigkeit des „größten Bündnisses der Menschheitsgeschichte“ – der Nato – die mit Arroganz die Lage in der Krisenregion und die Taliban unterschätze. Trotz der Historie. Was der Sowjetunion einst nicht gelang, hätten sie geschafft: Die Herrschaft über Afghanistan binnen zweier Jahre. Um Terroristen gehe es in diesem Konflikt längst nicht mehr. Und dass die Mehrheit der Deutschen den Einsatz von Bundeswehrsoldaten ablehne, interessiere die Politiker nicht. Wenn Afghanistan eine Bedrohung wäre, auf Deutschland Raketen richten würde, das wäre etwas anderes, sagte Erös. „Ich wäre der erste, der kämpfen würde.“Erös hat seinen eigenen Weg gefunden, den Menschen zu helfen: Er baut Schulen, Waisenhäuser und Gesundheitsstationen auf. Mit privaten Spenden. 1998, noch während des Taliban-Regimes, gründete er mit seiner Frau die Familien-Initiative „Kinderhilfe Afghanistan“. Gute Bildung für junge Menschen sei der richtige Weg, Probleme zu lösen. Militärischen Schutz seiner Einrichtungen verbittet er sich. Dass den Soldaten jegliche interkulturelle Kompetenz fehle, liege aber nicht zuletzt an der schlechten Ausbildung. Jeder glaube zu wissen: Taliban sind gefährlich. „Dümmlich und oberflächlich ist das.“ Politiker seien nicht besser, wenn sie sich kurz in der Krisenregion blicken ließen. „Die sind blind, taub und stumm“, sagt Erös. Weil sie die Landessprache Paschtun nicht beherrschen; die Sprache der Taliban – wenn die Politiker denn überhaupt mit ihnen sprechen wollten. Stattdessen schickten sie lieber neue Soldaten. Erös beherrscht die Sprache. Und er hat schon mit den Taliban verhandelt. Oft war er in Koran-Schulen zu Gast. „Tee mit dem Teufel“ ist der Titel eines seiner Bücher. Die Taliban seien aber gewiss nicht die Teufel, als die sie oft dargestellt würden. Und die Probleme hätten nicht erst mit ihnen angefangen. Schon zur sowjetischen Besatzung kam Erös nach Afghanistan. 1986 war das. Vier Jahre ließ er sich von der Bundeswehr beurlauben, behandelte Tausende Kranke und Verletzte in den Bergen. Seine Frau und die vier Kinder lebten in der Grenzstadt Peschawar. Osama Bin Laden war ihr Nachbar.„Die Bundeswehr wollte mich rausschmeißen“, sagt Erös und lächelt. Stattdessen bekam der Arzt das Bundesverdienstkreuz für sein humanitäres Engagement. 2002 schied er vorzeitig aus der Bundeswehr aus. „Diesen Affenzirkus wollte ich nicht mehr mitmachen. Ich führe jetzt meinen eigenen Krieg.“ZITAT
Dass den Soldaten jegliche interkulturelle Kompetenz fehlt, liegt nicht zuletzt an der schlechten Ausbildung.
© Copyright Wilhelmshavener Zeitung vom 26.01.2011, Seite 6/ STEPHAN GIESERS
